Stefan Krüger | lyrische Texte
Start Texte Impressum
zurück
der froschkönig
im Stil der Revolting Rhymes
die kleinste königstochter war
im ganzen etwas sonderbar
sie war zwar keine graue maus
und sah auch akzeptabel aus
doch wer sie näher kannte, wusste
dass sie extrem gestört sein musste

denn während ihre beiden schwestern
in männerfragen nicht von gestern
den ganzen tag vorm spiegel hingen
und abends in die disko gingen
verbrachte sie die zeit mit dingen
die, nett gesprochen, seltsam klingen

sie ging nicht tanzen, sah nie fern
sie chattete und las nicht gern
das internet war ihr egal
das handy schien ihr eine qual
stattdessen lief sie jeden tag
in einen tiefen dunklen hag
und übte dort den freien fall
mit einem kleinen goldnen ball
sie warf ihn in die luft als spiel
und fing ihn, wenn er runterfiel
das machte sie dann stundenlang
wobei sie auch noch blöde sang

wenn irgendwo wer auf der welt
sich derart sonderbar verhält
dann lässt man sein verhalten deuten
man schickt den mensch zum therapeuten
denn oft steckt hinter alledem
ein psychologisches problem
doch ist ein echtes königskind
im geiste völlig durch den wind
dann wird das schweigend toleriert
vielleicht, weil es zu oft passiert
man ließ dem mädchen seinen willen
und dachte sich dabei im stillen:
‚die kleine hat halt einen knall‘

nun, eines tages glitt der ball
der königstochter aus der hand
als sie an einem brunnen stand
der ball fiel in das brunnenrund
und sank hinab bis auf den grund
wo er mit einem dumpfen schlag
auf einen frosch fiel, der dort lag

der frosch fuhr unsanft aus dem schlaf
als ihn die kugel wuchtig traf
er war benebelt und verstimmt
was man ihm wohl kaum übel nimmt
der ball traf nämlich seinen zeh
und sowas tut so furchtbar weh
dass man vor schmerzen und verdruss
laut fluchen oder schreien muss

das geht nun unter wasser schwer
und darum schwamm der frosch jetzt sehr
geschwind mit dickem zeh nach oben
um sich dort gründlich auszutoben
und jener, die dort oben stand
und offenbar gefallen fand
ihn mit dem ball zu bombardieren
ganz ordentlich zu schikanieren

er fand allein ein kleines kind
am brunnen stehen tränenblind
die schöne königstochter weinte
weil sie den ball verloren meinte
doch als sich dann das wasser teilte
und ihr der frosch entgegen eilte
da fasste sie schon wieder mut
denn frösche sind geschickt und gut

‚ach, liebe kröte‘, schleimte sie
‚so traurig war ich wohl noch nie
weil mir mein ball bei einem spiel
in deinen tiefen brunnen fiel
holst du mir meinen ball zurück
geschieht das auch zu deinem glück
mein papa ist der könig hier
und jeden wunsch erfüllt er dir‘

das angebot war sicher gut
allein der frosch war rot vor wut
es ärgert frösche permanent
dass man sie so oft kröte nennt
zudem stand unser exemplar
auf einem zeh, der blutig war
er hatte schmerzen noch und noch
wie gerne hätte er jetzt doch
die blöde göre fortgejagt
und dann auf schmerzensgeld verklagt
doch könige sind meistens reich
und kaufen sich bei klagen gleich
diverse rechtsanwaltsbüros
die klage war wohl aussichtslos
dem frosch war aber sofort klar
dass die prinzessin dämlich war
und dazu noch recht attraktiv
sein rachewunsch war abgrundtief

‚ich bring denn ball‘, versprach er feist
‚wenn du mir einen wunsch erweist
ich bin ab jetzt dein kavalier
du nimmst mich mit ins schloss zu dir
dort will ich dann ein abendessen
mit allen möglichen finessen
und schön romantisch soll es sein
nur du und ich und kerzenschein
ich will mit dir ins bett zur nacht
dann treiben wir es, bis es kracht‘

ein solcher wunsch ist wirklich dreist
und unerhört, und das beweist
dass frösche manchmal schweine sind
das merkte selbst das königskind
es wollte sicher seinen ball
dabei jedoch auf keinen fall
mit einem frosch ins liebesbett
und sei er noch so klug und nett

die königstochter war zwar schlicht
doch derart blöd noch lange nicht
und sie versprach dem frosche laut
sie sei ihm herzlich zugetraut
als er den ball ihr aber brachte
und erste liebesschwüre machte
da stellte sie sich plötzlich taub
und machte fix sich aus dem staub

doch kaum ließ sie den frosch allein
da hüpfte er ihr hinterdrein
so schnell sie konnte, lief sie fort
doch sie war niemals gut im sport
der frosch dagegen sprang für vier
und blieb gefährlich nah bei ihr
er schnalzte küsse unter lachen
und rief ganz ordinäre sachen

die angst ergriff sie mehr und mehr
und ihre beine wurden schwer
doch sie verlor die hoffnung nicht
und endlich kam das schloss in sicht
sie lief hinein und schmiss im nu
die große eingangstüre zu
und hob laut flehend ihre hände
dass sie der frosch im schloss nicht fände
derselbe sprang im schnellen lauf
den zufahrtsweg zum schloss hinauf
und sah sich unterdessen schon
als herrscher auf dem königsthron
da fuhr mit heulendem motor
ein auto vor dem schlosstor vor
die schwestern der prinzessin waren
auf große shoppingtour gefahren
und kamen nun zu deren glück
was früher als geplant zurück

der frosch schrie auf, es machte platsch
und damit war der arme matsch
und hing als blutig grüner streifen
an einem königlichen reifen

als die prinzessin das erfuhr
war sie ein nervenbündel pur
weil sie nicht wort gehalten hatte
war dieser frosch nun eine platte
sie schwor sich fest als buße dann
‚ich nehme niemals einen mann‘
und leider hielt sie es auch ein
und starb verbittert und allein

womit wir zweifelsfrei jetzt wissen
auch märchen enden mal beschissen
Stefan Krüger, Köln, 14.08.2007
zurück