Stefan Krüger | lyrische Texte
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haariges glück
das glück ist ein gewisses gut
das allen menschen gutes tut
weshalb ein mensch, der gutes misst
im ganzen gar nicht glücklich ist

das klingt vielleicht jetzt etwas schlicht
im gegenteil, das ist es nicht
was gut ist, ist nicht definiert
und damit wird es kompliziert

dem ersten fehlt es an der zeit
den zweiten quält die einsamkeit
der dritte wünscht sich nichts als geld
der vierte wäre gern ein held

kurz, alle haben ein begehr
und alle leiden daran schwer
doch jeder hofft, dass er vielleicht
das heiß ersehnte noch erreicht

doch ach, wie arg trifft es den mann
der sich am kopf nicht kämmen kann
weil sich der jugend lockenpracht
nur noch als spiegel nützlich macht

ihm fehlt, was unerreichbar ist
da hilft kein glück und keine list
denn wenn ein haar vom kopfe fällt
wird selten eines nachgestellt

als beispiel sei hier ausgewählt
das leben von herrn schmitz erzählt
herr schmitz ist ein studierter mann
der hochgelehrt so manches kann





sein haar ist voll im feschen schnitt
und weich und federnd ist sein schritt
er ist adrett und nicht zu fett
vom scheitel bis zur sohle nett

doch ist er glücklich? aber nein!
er wäre es vielleicht, allein
in seiner jugend sehnt herr schmitz
nach frau und kindern und besitz

die erde dreht sich, zeit vergeht
derweil herr schmitz im leben steht

er findet eine ehefrau
er baut ein haus, er steht im stau
sein konto füllt sich mehr und mehr
und auch die wiege bleibt nicht leer

herr schmitz hat jetzt, man sieht es leicht
was er dereinst ersehnt, erreicht

er könnte einfach glücklich sein
er wäre es wohl auch, allein
er leidet nun zu seinem frust
an einem haarigen verlust

denn mit den jahren stück für stück
zog sich sein haar verschämt zurück

zuerst saß stramm es stamm an stamm
doch langsam füllte sich der kamm
die haare fielen gnadenlos
und stellten seine stirne bloß






am hinterkopf wuchs parallel
ein winzig kleiner archipel
und was man vorschnell inseln nennt
vereinte sich zum kontinent

die seitenhaare gaben bald
auch nicht dem dünnsten scheitel halt

herr schmitz verflocht sie hin und her
doch schließlich ging auch das nicht mehr

ein letztes haar stand noch im schaft
erschütternd grau und ohne kraft
wie tränenreich war dann der tag
als es in schmitzens suppe lag

herr schmitz betrauert laut sein los
denn der verlust dünkt ihm zu groß
dabei ist ihm nicht einmal klar
wofür das haar je nützlich war

denn in der jugend allemal
war ihm sein volles haar egal
er wollte frau und kinder nur
und keine modische frisur

doch jetzt, da ihm der schädel blitzt
ist schmitz egal, was er besitzt

ihr wisst, dass der, der was vermisst
darüber gar nicht glücklich ist
dass auch nicht glücklich ist, der hat
steht leider auf demselben blatt
Stefan Krüger, Brühl, Juni 2005
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