Stefan Krüger | lyrische Texte
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Die Krügerin verreist 2010/12 - Vorbereitung
01.12. Die Krügerin fasst einen Plan

Als ich in den blinden Tiefen meiner Schublade nach Socken forschte, fasste ich versehentlich einen Plan. Ich werde mein Auto verkaufen und einen Zwischenmieter suchen, um am ersten Januar eine Weltreise zu beginnen. Die nächsten Schritte zur Verwirklichung:
1. Morgen die beiden Hauskatzen im Rhein ertränken,
2. am kommenden Sonntag die Yuccapalme im Grüngürtel aussetzen und
3. am zwölften Dezember eine Weltkarte kaufen, um zu erfahren, worum sich die Reise eigentlich dreht.


02.12. Konkretisierung

Ich komme gerade vom Reisebüro und habe meinen ersten Reiseabschnitt gebucht: von der Südstadt zum Hbf. Das ist zwar keine große Strecke, aber auch die längste Reise beginnt bekanntlich mit dem ersten Schritt. Wer hat das noch mal gesagt? Ich glaube, es war Jopi Heesters. Außerdem passt die billige Busfahrkarte gut zu meinem knapp bemessenen Budget. Am ersten Januar geht es los ab Achterstraße. Ich bin schon ganz aufgeregt, muss aber noch dringend abklären, was ich alles mitnehme. Eingeplant ist bisher nur Claudias Taschenkoraner. Der war auf der Montessori und kann Ayatollah Khomeini tanzen. Das ist im Iran bestimmt hilfreich. Ich habe mir außerdem einen Reiseführer über mein erstes Ziel gekauft und schmökere nun. Die dort abgebildeten Menschen im Hauptbahnhof, der im Norden der Stadt liegt, sehen ziemlich fremd aus; ganz anders als meine Nachbarn in der Südstadt. Zudem scheint es viele Terroristen zu geben. Diese Information hätte ich gerne vermisst. Aber ich lerne lesend auch Interessantes, z. B. dass meine Heimatstadt keine Hafenstadt ist, obwohl sie einen Rhein- und einen Flughafen besitzt. Die Welt ist ganz schön verrückt. Ach ja: Die Katzen leben noch. Der Rhein war zugefroren. Dafür hat die Yucca Suizid begangen. Grünpflanzen werden mir immer ein Rätsel bleiben.


03.12. Die Aufräumung

Ich eröffnete einen Putztag. Die Wohnung soll schließlich sauber sein, wenn ich zurückkehre. Und was sollen Einbrecher denken, die in meine Wohnung einbrechen und einen Sauhaufen vorfinden. Ich begann heute damit, den zweiten Stapel links neben dem Fenster mit der Aufschrift Unerledigtes 1943-73 aufzumischen. Die ersten beiden Zettel waren schnell abgehakt (Blumen gießen und Mutter anrufen). Aber Blatt 3 war echt der Hammer mit seinem Krieg gewinnen. Keine Ahnung, wie ich das vor der Abreise noch hinkriegen soll. Also habe ich das Blatt feige zwischen zwei Akten des Stapels Erledigtes 2004-48 geschoben und mir vorgenommen, diesen Haufen beim weiteren Aufräumen zu übersehen. Zwischen Blatt 4 Weihnachtsgeschenk Johann und Blatt 74 Kuchen backen für Gudrun in Stammheim hatte ein naturliebender Mensch, wahrscheinlich meine verstorbene Mutter, Blumen getrocknet. Ich habe die Blätter gerollt und in eine Vase gestellt. Aus den Resten des Haufens habe ich Papier-Bienen gebastelt und ihnen mit meinem agnostischen Föhn Leben eingehaucht. Jetzt summt es in meiner Wohnung wie im Frühling, und der Winter schaut neidisch durch die Scheiben.


04.12. Der schwellende Koffer

Ich war heute Koffer shoppen. Das Ergebnis: Ein schönes Modell, aus rotem Leder klassisch gegurtet. Halb geöffnet schaut er mich hungrig an, doch noch ist es zu früh, ihn zu füttern. So schnappt er missvergnügt Luft und dünstet sie als ein Gemisch aus Mottenpulver, Leder und Neu wieder aus. Ich betrachte ihn zweifelnd. Hier hinein soll in Kürze mein Lebensunterhalt passen, ein ganzer Haushalt eng gedrängt in einer Hand. Aber mehr darf ich auf keinen Fall mitnehmen, sonst funktioniert meine Mobilmachung im Leben nicht. Ich und mein Koffer, etwas anderes darf es nicht geben, wenn sich der Globus unermüdlich unter meinen hebenden Füßen hinwegdrehen soll. Aber Gepäckstücke haben manches Mal eigene Pläne. Kaum setze ich mich hin, um eine Postkartenliste für den Urlaub zu erstellen, höre ich hinter mir ein seltsames Geräusch, wie ein asthmatisches Schnappen nach Luft. Ich drehe mich um und sehe nichts. Also schreibe ich die Liste weiter. Wieder das Geräusch. Eine Zeit lang ignoriere ich es. Dann halte ich es nicht mehr aus. Ich wirbele herum und bemerke, dass mein Koffer riesengroß geworden ist. Er grinst mich an, der aufgeblasene Wicht. Ich glaube zu wissen, woran er gewachsen ist, und mache eine Probe aufs Exempel. Ich schreibe eine weitere Anschrift auf die Liste: Der Koffer wird größer. Ich streiche eine Adresse: Er schrumpft. Ich überlege nicht einmal eine halbe Nanosekunde. Meine lange Postkartenliste fliegt kleingeschnipselt als Schneesturm in den Papierkorb und legt sich als Decke auf die verblichenen Papierbienen. Nicht einmal ich selbst werde einen Brief von meiner Reise erhalten. Mein Koffer atmet wieder handlich klein an meiner Seite. Nur etwas röter ist er geworden aufgrund der gulliveranischen Anstrengung.


05.12. Glaubenskrieg in Balkonien

Es sollte ein besinnlicher Sonntag in der Südstadt werden. Ich stehe unter der Dusche und rasiere meinen Rücken. Da höre ich von draußen auf einmal Schüsse. Anschließend dringt lautes Geschrei in meine Duschkabine und wird bald von Polizeisirenen übertönt. Ich rutsche aus dem Badezimmer, schlüpfe in meinen Ziegenfellbademantel, ziehe den jaguargestreiften Badeturban auf die nassen Haare und die Bärentatzenpuschen an die Füße. Derart kleidsam eile ich auf den Balkon. Ein unlauter lautes Geschimpfe begrüßt mich dort. Und leider habe ich es verschuldet. Ich hatte im Aufräumfieber zwei Bilderrahmen zum Trocknen in den Regen gehängt und danach vergessen, die Balkontür zu schließen. Diese Nachlässigkeit bereute ich nun. Dem Koraner war es langweilig geworden. Er hatte sich, während ich duschte, auf den Balkon geschlichen, in einen Schneematschhaufen gestellt, die Hände gefaltet und andächtig die 23. Sure intoniert. Unseligerweise habe ich einen Nachbar, der nicht nur Mitglied im Opus Dei, sondern zugleich glühender Anhänger der NRA ist. Als der katholizistische Waffennarr meinen singenden Surer entdeckte, stürzte er mit einer Schmeisser M4 auf seinen Balkon und schoss wie wild um sich. Selbstverständlich rief das die Südstadtmafia aufs Tapet. Es gab ein kurzes Handgemenge. Als die Polizei eintraf, war mein fanatischer Nachbar bereits entwaffnet und der Koraner geknebelt. Die Beamten waren überhaupt nicht erfreut. Aber da die Südstadtmafia mit der Polizei verschwägert ist, und ich seit drei Monaten an beide Institutionen Schutzgeld bleche, hat nur mein Opus-Dei-Nachbar mit ernsthaften Konsequenzen zu rechnen. Er wird in den Vatikan oder in ein anderes kreationistisches Land abgeschoben. Ich erhielt nur eine sanfte Verwarnung, musste aber versprechen, in Zukunft besser auf meinen Koraner aufzupassen. Ich habe ihn jetzt erstmal in den Meerschweinchenkäfig gesperrt, wo er völlig erschöpft vor sich hinschnarcht. Auf der Reise mag er mir ja nützlich sein, aber ich weiß wirklich nicht, ob ich ihn wieder heil nach Hause zurückbringen kann. Vielleicht setze ich ihn unterwegs irgendwo aus, im Libanon, in den USA oder anderen Ländern, wo nicht jeder sofort mit einer Waffe rumrennt und schießt.


06.12. Die Vertretung

Heute hatte ich ein Gespräch mit meinem Zwischenmieter. Er heißt Schmitz-Mustermann und sieht ziemlich mittelmäßig aus: Augen blaugraugrün, die Haare in der Mitte gescheitelt, normal groß, weder alt noch jung, sondern so dazwischen. Er macht einen ganz soliden Eindruck, doch während der Unterhaltung mit ihm wurde ich fast wahnsinnig. Er sprach die ganze Zeit monoton und verzog keine Miene. Schließlich war ich heilfroh, als wir uns geeinigt hatten und ich ihn aus der Tür bugsieren konnte. Zum Glück muss ich ihn nicht noch einmal treffen. Die Schlüssel für ihn hinterlege ich beim neuen Nachbarn. Ich war so erschöpft von seiner Durchschnittlichkeit, dass ich nach dem Besuch in die Kneipe ging, um mit einer Stange Bier wieder zu Kräften zu kommen. Harald der fusse Köbes stellte mir, ohne zu fragen, ein kühles Kölsch vor die Nase. Ich hatte kaum einen Schluck getrunken, da setzten mir zwei alte Bekannte zu. „Wir hörten, du willst verreisen?“ fragte der eine verschmitzt. „Wir kommen selbstverständlich mit dir!“ ergänzte der andere mit bewegter Stimme hinzu. Ich nickte wenig begeistert. Ich hatte keine Wahl. Harald gab den beiden ebenfalls ein Glas Bier und setzte die Striche auf meinen Deckel. Wir prosteten einander zu. Mein Leben trank gierig das halbe Glas leer, während mein Tod nur anstandshalber nippte. Der knochige Kerl mag kein Bier.


07.12. Krank

Ich litt schon längere Zeit an Fernweh. Als ich heute erwache, habe ich Temperatur. Außerdem spreche ich in fremden Zungen, und meine Haut zeigt an vielen Stellen verschieden farbige Pigmente. Ich besuche also einen Arzt und begrüße ihn mit einem heiteren: „¿Qué tengo?“ Als Antwort brummt der Medizinmann nur: „Reisefieber!“ Das war mir allerdings auch ohne seine Diagnose klar. Damit ich kurz vor dem langen Urlaub nicht unnötig fiebere, habe ich in der Apotheke eine große Packung Nostalgia geholt. Jetzt warte ich im Bett auf die Besserung. Sie hat eben angerufen und gesagt, dass es später wird. Neben dem Kopfkissen sitzt der liebe Taschenkoraner und singt mir Al-Fatiha. Das tröstet mich etwas.


08.12. Das Aufräumen nähert sich dem Ende

Die Zimmer offenbaren Strukturen, die ich nie in ihnen vermutet hätte. Immer wieder begegnen mir Wunder, die sich in Abwesenheit der Ordnung heimlich formten, etwa der kleine Bonsai-Apfelbaum hinterm Wäscheständer. Irgendwann hat mich ein unachtsamer Augenblick eine Apfelkitsche übersehen lassen, die auf dem Boden lag. Tropfende Wäsche über den Kernen sorgte für einen stetig warmen Regen. Schließlich trieben kleine Wurzeln zaghaft ins Parkett. Beengt durch mehrere Bücherstapel voll wuchtiger Lektüre wuchs der Baum nur en miniature. Ich lasse den Bonsai vorerst stehen. Der Koraner hat sich eine Schaukel hineingehängt und verlebt glücklich schwingende Zeiten. Des Weiteren fand ich einen Schrank, der während meines siebzehnten Lebensjahrs hinter einem Haufen Akkordeons versunken war, und dessen Existenz ich bald darauf vergessen hatte. Der Schrank war leer abgesehen von einer Kiste mit Gefühlen. Viele waren schon angestaubt und fad geworden. Ein paar unverwüstliche Weihnachtswünsche wirken aber noch wie neu. Ich habe die Wünsche in den roten Reisekoffer gepackt. Gerne hätte ich auch das tiefe Gefühl der Geborgenheit aktiviert, das fast die halbe Kiste einnahm. Es hat eine wunderschön tiefblaue Farbe, die Tageslicht trinkt. Aber leider sind ein paar Wutanfälle darüber gelaufen und haben sich tief in das Material geätzt. Wer weiß, welche emotionale Mischung mir da blühen würde. Es bleibt also der Koffer voll altem Gefühl, eine Bonsaischaukel für den Koraner und eine frühlingsfrisch duftende Wohnung. Ein guter Tag.


09.12. Post aus der Zukunft

Ich hatte so ein komisches Gefühl heute Morgen. Das Pendel meiner Großmutteruhr schlug unregelmäßig. Manchmal setzte es ganz aus. Dabei haben die Zeiger schon vor Jahren mit dem Rauchen aufgehört. Durch den Kalender ging ein Wind und wirbelte die Jahre in Strudel. Und dann klingelte meine innere Uhr auch noch aufgeregt wie ein Wecker auf Ecstasy. Die Erklärung für all das fand sich schließlich im Briefkasten: Eine Postkarte von mir selbst verfasst am 17.4.2011. Bleib dir selber immer treu! Ich will mir gar nicht schreiben und halte schon einen Gruß in den Händen! Das rückseitige Motiv zeigt den Koraner mit Sombrero vor einem Berg. „Liebe Krügerin“, steht vorderseitig in meiner eigenen Schönschrift. „Ich bin nun an den Rand des Ruins gekommen und schreibe mir vorsichtshalber, bevor ich seine Grenze endgültig übertrete. Der Ruin ist kein Zuckerhutschlecken. Zudem bin ich mir nicht sicher, ob er wirklich erloschen ist, wie mein Reiseführer behauptet. Aus der Gipfelspitze steigt gelblicher Rauch auf. Vielleicht sind es nur Einheimische, die an den Hängen Stahlwolle verbrennen. Trotzdem sende ich lieber jetzt schon meine Grüße, denn ich bin nicht sicher, ob ich dieses Abenteuer lebend überstehe. Herzlich dein Alter Ego. PS: Wer weiß, wann dich diese Karte erreicht. Ich bin inzwischen durch so viele Zeitzonen gereist, dass meine Digitaluhr im Hexadezimalsystem rechnet.“ Das also hatte meine Gegenwart aus dem Gleichgewicht gebracht: eine Karte aus der Zukunft. Unangenehm liegt sie in meinen Händen. Der Koraner versteckt sich, als ich ihm die Postkarte zeigen will. Meine Katzen schnuppern zwar neugierig daran, doch ihre Haarspitzen werden dabei grau. So kann es nicht weitergehen! Ich laufe in die Küche und halte die unselige Botschaft in den Flammenkranz des Gasherdes. Grünliche Funken platzen, Asche steigt auf, und ein kleiner Phönix entflattert meinen Fingern. Die Katzen sind begeistert und versuchen angefeuert vom Herd, den Vogel zu fangen. Er flieht ängstlich zurück in meine Hände. Ich sperre ihn mit etwas Futter und Wasser in meine Großmutteruhr. Er baut sich dort aus Eisenspänen, die vom Pendel fielen, ein Nest. Vielleicht hat er ja eine Zukunft als Kuckuck, denke ich noch, da hat der Nister schon ein Ei gelegt. Es ist murmelgroß, zimtbraun und riecht nach Weingummi. Wenn man ein Ohr an die warme Schale hält, hört man es knistern. Wer hätte gedacht, dass Verbrennungsgeflügel sich auf diese Weise fortpflanzen. Allerdings kümmert sich der Phönixnutz einen Driss um sein Ei. Wenn er sich ihm zuwendet, dann nur, um mit dem ungeschlüpften Nachwuchs Fußball zu spielen. Ich hole das Ei vorsichtshalber aus der Uhr und bette es in eine mit Watte ausgepolsterte Streichholzschachtel. Das Ganze liegt jetzt im Koffer. Wer weiß, wie lange der Nachwuchs vor sich hinbrütet.


10.12. Heute ist Vorstellungstag

Die Wohnung ist sauber. Weitere Reisevorbereitungen haben noch etwas Zeit. Also nehme ich mir eine Tasse Schwarzwurzeltee und setze mich auf das filigrane weiße Sofa neben der kleinen Fabrik, die Bilder bewegt. So entspannt stelle ich mir etwas vor. Zuerst entspringt meinen Gedanken eine Kaffeekanne aus Edelstahl, die heiß über den Tee in meiner Hand herzieht. Der Tee selbst zieht viel stärker, die Kaffeekanne verpufft. Dann öffnet sich ein Türchen zur Vergangenheit. Mein verstorbener Freund Erasmus tritt herein und setzt sich zu mir auf das Sofa. Erasmus war 212 cm groß und wog über 150 Kilo. Früher wäre das Sofa unter seinem mächtigen Hintern zusammengebrochen. Da er mich nur aus der Vorstellungswelt besucht, wiegt er 38 Gramm und ist so groß wie ich. Er lächelt mich an. „Du willst also bald verreisen.“ Ich nicke ihm zu, und er fährt fort: „Hast du denn gar keine Angst?“ Ich muss ganz tief in meinen Gedächtniskästen kramen. Angst? Was war nochmal diese Angst? Früher hatte ich sie oft, daran erinnere ich mich. Damals wuchsen dunkle Gestalten in nachtschwarzen Ecken. Krankheiten und Seuchen reisten in Gemüsekisten aus fremden Ländern heran. Ständig drohten Krisen, die Welt zu überschwemmen. Mit der Zeit aber verloren die Dämonen ihre Macht. Ich erkannte sie als Tattergreise, die nicht mal einer Fliege etwas zu leide tun konnten, solange ich sie nicht fürchtete. Als Kind ergossen sich warme Herzschläge durch den ganzen Körper, wenn ich auf die Angst traf. Mein Magen wrang sich selber aus. Meine Hände zitterten unkontrolliert. Heute scheint mir das unvorstellbar. Ich lächele Erasmus unbekümmert an. „Nein, Angst habe ich keine.“ Er wird durchsichtig wie ein Nebel, verliert seine Kontur und versickert im Boden. Zurück bleibt ein leichtes Stechen ausgehend vom linken Zeh, das langsam das Bein hinaufkriecht. Ich werde ganz alleine in der großen weiten Welt wandern. Wird das wohl gutgehen?


11.12. Die Krügerin ist Rezeptor

Als meine Augen sich in der Frühe dem neuen Tag öffneten, hatte ich bereits eine Idee geboren. Sie lag nur schwach an meiner Seite, doch je mehr ich sie bedachte, umso stärker wuchs sie heran. Bald schon konnte sie mir im Haushalt helfen. Das war auch notwendig, denn die Idee drehte sich darum, vor der Weltreise ein Abschiedsessen für meine liebsten Freunde zu veranstalten. Zwar sind meine liebsten Freunde so lieb, dass Partys mit ihnen gähnend langweilig geraten. Trotzdem werde ich nicht noch einmal den Fehler machen und meine dicksten Freunde einladen. Das letzte Fest mit denen war der Knaller. Aber nachdem sie den Inhalt des gesamten Vorratsschranks samt Tiefkühltruhe verputzt hatten, haben sie mir auch noch die Haare vom Kopf gefressen. Ich will meine Reise nicht mit Glatze antreten. Deswegen kommen nur die liebsten Freunde zum Adieu. Ich weiß auch schon, was ich koche. Beim Aufräumen vorgestern fand ich ein uraltes Rezeptbuch, das meine Urgroßmutter Hildegund Wanderweg mit Anmerkungen verziert hat. kochen, dasz es dem kaiser schmecket ~ allerlei wunderlich rezepte für den herd des gehobenen hauses ist in goldenen Furunkeln auf den Ledereinband geprägt. Die erste Seite bildet einen preußischen Soldaten ab, der sich Hühnersuppe aus dem Schnurrbart kämmt. Die folgenden Rezepte sind ganz schön seltsam, aber für ein langweiliges Gastmahl nicht verkehrt. Meine Wahl ist auf Abwehrkröte an Fenchelrübe gefallen. Zur Vorsicht habe ich das Rezept gleich ausprobiert. Kröten hatte ich noch im Haus. Fenchelrüben waren alle. Selbst der REWE hatte keine. So schickte ich meine Idee zum Pflücken an den Rhein. Es wurde anschließend eine ungewöhnliche Herdstunde mit vielen Zaubersprüchen, Flüchen und fremdartigen Gerüchen. Nachdem ich und der Koraner das schmackhafte Ergebnis verputzt hatten, fühlten wir uns satt, zufrieden und wirklich gut abgewehrt. Die gestrige Angst scheint nach dem ersten Biss in einen Krötenschenkel vollkommen verschwunden. Negative Auswirkungen gab es allerdings auch. Wir sind komplett hydrophob geworden. Wasser perlt von uns ab, wie investigativer Journalismus an Politikern. Deshalb muss die Idee das schmutzige Geschirr abwaschen. Aber ich glaube, die Küchenarbeit macht ihr Spaß. Während sie pfeifend abspült, verbringe ich mit dem Koraner einen regenfaulen Samstagnachmittag vor der Bilderfabrik. Ich müffele etwas. Hoffentlich kann ich morgen duschen.


12.12. Verkartet

Ich hatte für heute einen Plan: Karten kaufen! Der Laden meiner Wahl war ein älteres Modell. Holzregale voller Atlanten türmten sich bis an die hohen Decken. In einer Ecke war ein Haufen Globen aufgeschüttet. Der Verkäufer, ein aufdringlicher Geselle, trat mit der Simulation eines Lächelns auf mich zu. „Kann ich weiterhelfen? Suchen sie Karten?“ „Gewiss“, bestätigte ich. Sein Mund wurde breiter und versuchte, die Ohren aufzuessen. „Da sind sie hier genau richtig. Sind sie interessiert an der Welt, am Spiel, am Eintritt oder an der Post?“ „Welt?“ antwortete ich zögernd. Seine Worte feuerten wie Pistolenschüsse auf mich ein. „Und was machen sie beruflich? Politiker, Pilot, Historiker, Physiker, Bergsteiger, Raumfahrer, Geograph, Radfahrer?“ Ich war so verwirrt, dass ich mich setzen musste. Das hielt ihn nicht auf. „Probieren wir es mal mit einer politischen Karte.“ Das Bild, das er vor mir auf dem Tisch ausrollte, deprimierte mich. Wohl war es bunt wie ein Schmetterling, doch überall zogen sich dicke Grenzen durch die Lande und schieden Völker und Verwaltungssitze. Das war nicht die Erde, die ich bereisen wollte. Der Verkäufer war über meine Absage nicht enttäuscht, sondern hielt schon die nächste Karte bereit. „Vielleicht Physiker?“ Diese Welt war grenzen-, aber auch etwas farblos. Zudem gab es keine Städte mehr. Wen sollte ich da besuchen? Ich schüttelte traurig den Kopf. „Dann also Raumfahrer?“ Auch die Sternenlandschaft sagte mir nicht zu, und so gingen wir erfolglos Karte um Karte durch. Allmählich wurde der Verkäufer nervös. Kleine Schweißperlen glitzerten kostbar auf seiner Stirn. Doch seine Sorge war unbegründet, denn plötzlich kam eine Welt auf den Tisch, die mir sofort zusagte. Sie war bunt gemalt, die Grenzen, wenn vorhanden, waren sehr dünn. Kleine Zeichnungen vermittelten die Eigenarten vieler Regionen vorbildlich. Und was am wichtigsten war: Überall prangten weiße Flecke und ließen Platz der Phantasie. Dazu strömte die Karte einen wunderbaren Geruch aus, einen Duft von archivierter Gelehrtheit in Aspik. Der Verkäufer entschuldigte sich: „Ich weiß gar nicht, wie die in den Stapel gekommen ist.“ „Das war ihr Glück. Ich nehme sie.“ „Das alte Ding? Aber das ist eine völlig überholte Karte von Guillaume Brouscon. Damit kann niemand mehr was anfangen.“ „Ich nehme sie!“ „Aber …“ Dem Verkäufer fiel plötzlich auf, dass er sich vollkommen unverkäuferisch verhielt. Er schaute auf das verblichene Etikett. „Das macht dann 4000 Taler oder“, er zögerte verblüfft, „zwei Katzen.“ „Ich bezahle in Katzen!“ sagte ich schnell, denn die hatte ich noch im Haus. Jetzt sitze ich daheim, die alte Karte liegt vor mir auf dem Tisch ausgebreitet. Mein Zeigefinger zeichnet Wege nach, die ich gehen könnte, zum Beispiel nach Nuova Olanda. In der Ecke sitzt missmutig der kleine Taschenkoraner. Er hat die Katzen gern gehabt.


13.12. Der neue Nachbar hat mehr als einen Knall

Die Nachbarschaft geht langsam vor die Hunde. In die leere Wohnung des Opus-Dei-Fanatikers ist ein Selbstmordattentäter eingezogen. Nicht, dass ich ihn wegen seines Berufes verurteile, jeder muss von irgendetwas leben. Aber der Kerl nimmt seine Arbeit nicht nur ernst, sondern mit zu sich nach Hause. Ständig zischt und knallt es, und der ganze Hof wird hell erleuchtet. Wenn der Nachbar mit dem Knall mal eine besonders laute Mischung gefunden hat, fangen besagte Hunde, vor die die Nachbarschaft geht, an zu bellen; und der Koraner weint. Ich bekomme allmählich Aggressionen. Dabei ist der Nachbar eigentlich ganz nett. Ich war gestern Abend bei ihm, weil mir die Knallerbsen ausgegangen waren. Da hat er mich direkt reingebeten. Der hat echt was aus der Wohnung gemacht. Wir kamen dann über die Dynamitstangen, die er am Gürtel trug, ins Gespräch. Es wurde richtig interessant. Ich wusste zum Beispiel gar nicht, dass sich der Mensch durch die Selbstmordattentate vom Tier unterscheidet. Es gibt auf der gesamten Erde kein Tier, das explodiert. Das machen nur Menschen. Ich erkundigte mich, ob er aus religiösen Gründen sprenge. Er verneinte und sagte, dass er Atheist sei. Er wäre bei einer Vereinigung tätig, die für eine radikale Umgestaltung von Einkaufspassagen kämpft. Von so etwas habe ich noch nie gehört, aber das heißt ja nichts. Als ich zum Abschied erwähnte, dass ich bald verreise, empfahl er mir, Feuerland zu besuchen. Außer den Knallerbsen bekam ich noch eine Hana-Bi-Kaktee geschenkt. Die soll man mit Papier gießen. Die Pflanze steht nun bei mir auf der Fensterbank und verbreitet ein warmes Licht. Ein nettes Geschenk. Ich würde gern freundlicher von meinem Nachbarn denken, aber alle fünf Minuten macht es Bumm, die Weingläser im Schrank klirren, und der Koraner schluchzt. Es gibt Berufe, die die Welt nicht braucht.


14.12. Zwischen zwei Hasserinnen

In der letzten Nacht hat jemand die Stadt mit einer neuen Schicht Schnee überzogen. Die Straßen geben sich glasiert. Die Häuser wirken puderbezuckert. Alles sieht sehr süß und appetitlich aus. Da mir zum Frühstück der Hunger abhandengekommen ist, stecke ich den Koraner in die Tasche und schlendere durch das Viertel, um meinen Appetit anzuregen. An der Kirche stoße ich auf eine Schlange. Ich habe keine Angst vor Schlangen und frage ihren Kopf, was es am Ende gibt. „Reiseunterlagen“, antwortet der Kopf. „Das trifft sich gut“, denke ich und lasse mich fressen. Ich war nicht das letzte Opfer. Die Schlange wächst weiter. Und ich fühle mich auf einmal unwohl. Etwas Kaltes hat seine Hand um mein Herz gelegt und drückt es langsam zusammen. Wie in einer Zitronenpresse tropft mein Blut heraus und weint auf den Boden. Ich blicke nach vorn, und ich blicke zurück, sehe aber keine Ursache für dieses schreckliche Gefühl. Ich stehe zwischen zwei Frauen mittleren Alters. „Ich bitte um Verzeihung“, frage ich die Frau hinter mir, die mir versehentlich ihren Blick geschenkt hat, „spüren sie das auch?“ „Keine Sorge!“ beruhigt sie mich. „Das ist nur unser Hass.“ „Ihr Hass?“ „Ja“, setzt die Frau, die vor mir steht, hinzu, „wir hassen uns. Abgrundtief. Weil sie zwischen uns geraten sind, spüren sie es. Aber es ist nicht ihre Schuld.“ Ich blicke sie fassungslos an. „Kann ich denn gar nichts tun?“ Beide schütteln den Kopf. „Aber warum hassen sie sich denn?“ „Der Grund ist doch egal, Neid, Krieg, ein Mann. Wir hassen uns einfach.“ „Hätten wir uns an einem anderen Ort kennengelernt oder in einer anderen Zeit, …“ „… wir hätten uns vielleicht gar nicht bemerkt, …“ „… vielleicht sogar geliebt. Man verhasst sich, …“ „… wie man sich verliebt.“ Ich bin geschockt, denn das, was ich zwischen den beiden empfinde, wird immer schmerzhafter. „Und sie wollen gar nichts dagegen unternehmen?“ „Aber was sollen wir denn machen? Aus dem Weg gehen können wir uns nicht.“ „Wir wohnen nebeneinander und sehen uns dauernd. Den Hass abstellen, das geht auch nicht.“ „Also müssen wir einfach abwarten. Es wird vorübergehen. Irgendwann wird sich der Hass verlieren, …“ „… er wird sich vergessen in einer unbedachten Minute. Vielleicht wird die andere noch etwas weiterhassen, …“ „… aber ohne Nahrung wird auch dieses Feuer bald ersticken.“ „Dann bleibt nur ein kaltes Erinnern, …“ „… ein fades Gefühl, wenn man sich sieht, …“ „… und man fragt sich, wie man einander je hassen konnte.“ Die Schlange hat uns fertig verdaut. Die Frau vor mir tritt heraus. Ich folge ihr kurz darauf. Das Gefühl fällt von mir ab, als ich mich von den Frauen entferne. Mein Herz pocht wieder liebesvoll und unbekümmert. Leider sind die Reiseunterlagen eine Enttäuschung. Es handelt sich dabei um schlecht isolierte Pappe. Beim ersten richtigen Regen wird sie sich auflösen. An ein bequemes Liegen ist dann nicht mehr zu denken. Ich lehne ab und eile ohne Reiseunterlagen nach Hause. Mein Hunger steht vor der Tür und wartet auf mich. Ich lasse ihn ein, setze den durchfrorenen Koraner auf die Heizung und schlage mir sieben Eier in die Pfanne. Wie kann man sich nur so hassen?


15.12. Noch einen halben Monat

Je näher die Reise heranrückt, desto wichtiger werden mir Selbstverständlichkeiten des bald nicht mehr existierenden Alltags. Wie oft werde ich wohl noch Post bekommen? Jeder Brief wird mit einem Mal ein wertvoller Schatz. Heute liegen gleich zwei derer auf der Fußmatte. Der erste Brief stammt vom Verein wider die Unzucht, und sein Inhalt erbost sich über die Nacktheit der Laubbäume im Winter. Der Verein sammelt Spenden (Kleider oder Geld), um den aufdringlich kahlen Ästen etwas überziehen zu können. Ich habe kein Interesse, der Spendenbitte Folge zu leisten. Meine Urgroßmutter war in ihrer altersbedingten Vielfältigkeit Nudistin. Und ich gestehe, dass ich unter der Dusche manches Mal ihrem Vorbild nacheifere. Der zweite Brief findet mehr Beachtung. „Herzlichen Glückwunsch!“ lese ich. „Nur noch ein Schritt, und sie sind ein Millionär.“ Das klingt aufregend. Millionär zu sein, hieße, eine Menge Geld zu besitzen. Bei einer Weltreise ist das sicher nicht verkehrt. Aber Geld bedeutet auch Verantwortung. Was macht ein Millionär den ganzen Tag? Welche Pflichten hat er? Bevor ich den Schritt zum Reichtum wage, muss ich in Erfahrung bringen, was neben dem Geld auf mich zukommen wird. Ich suche mir im Telefonbuch Namen heraus, die nach viel Geld klingen, solche mit von und zu. Aber immer wenn ich eine Nummer erwählt habe und frage, ob es sich bei den Abnehmern um Millionäre handelt, wird meine Frage verneint. Dann telefoniere ich jenen nach, die einen gleichen Namen tragen wie große Firmen (Gunther Haribo, Hans Microsoft und so fort). Wieder widersprechen die Angerufenen jedem möglichen Reichtum. Schließlich wähle ich wahllos alle Nummern zwischen Quäker und Rostig ohne Erfolg. Wie meine Studie empirisch belegt, gibt es in diesem Land keine Millionäre. Armes Deutschland! Ich dagegen halte hier die Chance in meinen Händen, eine zu werden. Doch als einzige Millionärin zwischen armen Schluckern hätte ich sicher viele Neider. Den damit verbundenen Nachteilen will ich mich nicht aussetzen. Aber ich habe eine Idee. Ich tüte das Versprechen auf Reichtum in den Rückumschlag, welcher der Spendenbitte des Unzuchtvereins beigelegen hat, und bringe das Ganze zur Post. Damit müssten alle zufrieden sein. Der Schenker wird sein Geld los. Ich habe meine Ruhe. Und die neuen Millionäre können so viele Bäume in der Stadt einkleiden, wie sie wollen. Ich bin gespannt, was die Birke vor meinem Fenster tragen wird. Ein kleines Schwarzes würde ihr sicher gut stehen.


16.12. Ein Tag im Bett

Es gibt Tage, da möchte man am liebsten nur im Bett bleiben. Und es gibt solche, an denen man nicht aufstehen kann. Da fesselt dich eine unsichtbare Gewalt in die Kissen, deine Augen starren an die Decke, deine Gedanken drehen sich um ein schwarzes Loch. Alles wird sinnlos. So ein Tag ist heute. Ich nehme ihn hin, als Geschenk, als Opfer, als Strafe. Eine schwarze Spinne wohnt hinter meinem Schrank. An Tagen wie diesen kriecht sie hervor und zieht ihren faustgroß fetten Hinterleib behäbig über die Decke. Ein kaum sichtbarer Faden spinnt sich aus den Warzen. Erst erkenne ich das feine Gespinst nur an der Reflexion. Doch je mehr sie kriecht, desto dichter wird das Netz. Bald ist mein Himmel ein silbrig klebriges Seidengeflecht. Es senkt sich mit jeder Kriechspur tiefer. Irgendwann wird mein Schlafzimmer einem dichten Kokon gleichen, ich als erstickende Larve in der Mitte. Derweil schneit es draußen heftiger. Mein Haus verwandelt sich in eine Pyramide aus Schnee. Da springt auf einmal der Taschenkoraner in mein Zimmer. Er tanzt auf meinem Bauch und singt die 29. Sure. Ich setze mich mit einem Ruck auf, stürze zum Fenster und reiße es auf. Draußen ist Frühling. Die Spinne flüchtet zurück hinter den Schrank. In einem warmen Wind schmelzen ihre Fäden zu einem Nebel und werden hinfortgetragen. Ich atme auf. Es ist immer gut, einen Koraner in der Tasche zu haben.


17.12. Unverschlafen

Je länger die Nächte werden, desto weniger Schlaf bleibt in Relation dazu übrig. Irgendwann nachts wache ich auf und unterhalte mich mit der Dunkelheit. Wenn das so weitergeht, schlafe ich in zwei Monaten überhaupt nicht mehr. Ich bin ein gläubiger Anhänger des Traumes und würde ungern ohne ihn auf die Reise gehen. Also bin ich heute aus dem Haus gestiefelt, um etwas Schlaf zu besorgen, den ich in den roten Koffer packen kann. Ich ging alleine. Mein Koraner hatte die große Platte vom Gasherd auf Stufe zwei gestellt und sich in einem Sonnenstuhl daneben gesetzt. Als ich mit der Winterjacke grüßte, winkte er nur ab. Dieses Weichei! Auf der Straße traf ich einen Penner. „Hast du ein Mittel für Träume?“ Er nickte. „Klar hab ich das. Kostet 50 Euro.“ Er schüttelte eine Tupperdose mit roten Pillen hervor. Es war weniger die prompte Reaktion, als der Geruch des Mannes, der mich zurückschrecken ließ. Der Penner missverstand. „Biste krank oder was? Dann geh doch zum Arzt.“ Das tat ich auch und schilderte ihm mein Problem. „Das sind hervorragende Schlafmittel“, erklärte der desinfiziert riechende Mann und wog dabei eine Packung mit grünen Pillen in der Hand. „Sie kosten nur 50 Euro.“ Ich zahlte und steckte die Pillen ein. Dabei fiel mir eine Ähnlichkeit auf. „Haben sie einen Bruder, der auf der Straße lebt?“ Der Arzt nickte. „Und ihr Bruder verkauft ebenfalls Schlaf, nicht wahr?“ „Nein. Mein Bruder verkauft Träume. Mein Schlaf ist traumlos.“ Es versteht sich, dass ich auf dem Rückweg doch noch beim Penner vorbeischaute. Nun liegen zwei Pillendosen in meinem Koffer. Schlaf alleine wäre mir zu wenig gewesen. Jetzt muss ich mich dringend um den Koraner kümmern. Der hat sich am Gasherd einen fetten Sonnenbrand geholt. Selber schuld!


18.12. Beim Friseur

Ich ließ mir heute die Haare schneiden. Diesmal war der Salonbesuch besonders wichtig. Normalerweise schneidet meine Friseuse Gisela aus meinem Kopf ein Kunstwerk, das sich spätestens nach einem Monat wieder verwächst. Es ist der ständige Kampf zwischen der Mode und der Unbezwingbarkeit des Lebens, der unter meinem Hut tobt. Diesmal soll die Frisur aber für ein ganzes Jahr halten, die komplette Reise reichen, denn wer weiß, in welche wilden Gefilde es mich verschlägt. Vielleicht gibt es da weder Lockenschere noch Föhn. Wenn ich anschließend in die Zivilisation zurückkehren will, lassen mich deren Hüter vielleicht nicht ein, weil meine Haare wie Kraut und Rüben wuchern. „Eine modische Frisur bitte, die mindestens zwölf Monate hält“, forderte ich also, als ich mich bei Gisela in den Stuhl sinken ließ. Weiter kam ich nicht. Der süßliche Geruch von Haarspray kitzelte in meiner Nase, ließ mein ganzes Denken wie einen Neutronenstern zusammenziehen und explodierte schließlich in einem gigantischen Hatschi. Als ich die Augen öffnete, war die Welt verkehrt. Das heißt, nicht die Welt war verkehrt. Ich hatte mich mit meinem Nieser – wie auch immer – in den Spiegel geschleudert und saß nun hinter Glas. Und jener Raum, in dem ich mich befand und den ich nur oberflächlich von selbstversichernden Augenblicken kannte, war verkehrt. Das wäre nicht weiter schlimm gewesen. Angst machte mir aber, dass ich keinen Einfluss auf die Schneidsamkeit meiner Friseuse nehmen konnte. Zum Ersten bricht sich am Spiegelglas der Laut viel stärker als das Licht. Alles, was ich vernahm, war ein leises Rauschen, während Gisela mit dem Öffnen und Schließen des Mundes anzeigte, dass sie unaufhörlich neue Wörter produzierte. Zweitens war mein Spiegel-Ich nicht mehr unter meiner Kontrolle. Es ließ sich tumb beschneiden und starrte dabei in meine Richtung, während ich den Kopf drehte und mich umsah. Zu allem Überfluss war die Spiegelwelt winzig. Drüben eröffnete sich außerhalb des Salons ein unendlicher Kosmos. Hier hob sich vor der Tür nur ein phantasieloser Nebel der Nichtexistenz. Wenn ich jetzt auf Weltreise gehen würde, wäre ich nach zwei Minuten fertig. Nein, ich musste hier raus. Dringend! Probeweise nieste ich. Doch ich war weiter gefangen. Dann stand ich auf und pochte gegen das Glas. Nichts geschah. Ich hämmerte dagegen. Die Oberfläche schlug Wellen. Ich nahm Anlauf und sprang mit meinem ganzen Gewicht gegen die unsichtbare Mauer. Als ich zu mir kam, lag eine Welt zerstört vor meinen Füßen. „Das macht nichts“, sagte Gisela. „Scherben bringen Glück.“ Ich zahlte und ging. Seitdem habe ich mich in keinem Spiegel mehr begutachtet. Der Koraner findet meine Frisur allerdings toll.


19.12. Ein Besuch vom Schikanier

Ich hatte mir einen faulen Sonntag gebucht. Ich wollte meinen Stuhl vor das Fenster stellen und die winterweiße Welt durch den Tag betrachten, während mein Atem die Scheiben mit Beschlag belegt. Aber Pusteblumenkuchen! Als ich aufwachte, war meine Wohnung ein Chaos. Die Bücher waren aus den Regalen gerissen. Der Inhalt meines roten Reisekoffers lag verstreut auf der Erde. Meine Kleider hatten wie in Morgensterns modernem Märchen ein Eigenleben entwickelt. Und mein Koraner baumelte gefesselt kopfüber von der Stehlampe herab. Als ich den Jammernden befreite, sah ich den Verursacher des nächtlichen Übels hinterm Sofa hervorlugen. Es war ein kleiner Schikanier. Diese Schädlinge sind eigentlich keine Haus-, sondern Amtsstubenbewohner. Wahrscheinlich war es ihm in der Bürokratie zu kalt geworden. Ich glaube, er hatte sich im Steuerbescheid versteckt, der vorige Woche in meinem Briefkasten gelegen hatte. Ich hatte ihn unbemerkt ins Haus getragen und abgeheftet. Letzte Nacht war es ihm im Ordner zu langweilig geworden, und er hat das getan, was er am besten kann. Zum Glück sind die nachtaktiven Schikanier tagsüber eher träge. Ich überraschte ihn hinterm Sofa, fing ihn schnell ein und habe ihn in das mittlere Fach von der Eistruhe gesperrt. Wenn er hart geworden ist, setze ich ihn irgendwo aus. Den Rest des Tages verbringe ich nun damit, mein Zimmer in den gewohnten Kosmos zu verwandeln. Und für die Zukunft nehme ich mir zum x-ten Mal vor, die Post eingehender zu lesen. Ich trage mit ihr viel zu oft Unverlangtes in meine Räume.


20.12. Die Krügerin würzt mit Schmerzen

Das Abschiedsessen mit den liebsten Freunden fand heute statt. Ich hatte die Zutaten für Abwehrkröte an Fenchelrübe bereits gestern eingekauft, vorgekocht und mich auf einen melancholisch friedlichen Abend gefreut. Aber wann entrollt sich ein Tag je wie geplant! Um 11.34 Uhr kam per Einschreiben eine Sendung auf mich zu. Der Bote war erleichtert, als er das Paket loswurde. Es wog unendlich schwer in meinen Händen. Ich trug es in das Wohnzimmer und legte es auf den Tisch. Ahnungsvoll zögerte ich mit dem Auspacken. Selten bringen unerwartete, schwere Sendungen etwas Gutes. Ach, hätte ich das Paket doch nur verschlossen gelassen! Als ich das Papier aufriss, stach mich der Inhalt so heftig, dass mir Tränen in die Augen traten. Jetzt war mir klar, was ich vor mir hatte. Und gerade deshalb war ich gezwungen, es komplett auszupacken. Schließlich hielt ich ihn nackt und hässlich in den Händen. Er war faustgroß, grau, rund und unglaublich schwer. Mein Schmerz. Ich konnte ihn nicht loslassen. Den halben Tag trug ich ihn herum, nicht wissend, was ich mit mir anfangen sollte. Erst dachte ich daran, das Essen abzusagen. Doch das hätte gar nichts gebracht. So war der Schmerz bei mir, als ich die Kröte in die Pfanne warf und die Fenchelrübe schnitt. Woher dann mein Einfall kam? Ich weiß es nicht. Vielleicht war der Schmerz einfach zu groß. Es gehörte Parmesan auf die Kröte. Ich ließ den Käse im Kühlschrank und rieb verzweifelt den halben Schmerz in die Pfanne. Sofort wurde mir leichter ums Herz. Im Gegensatz zum Käse schmolz der Schmerz im Backofen nicht. Er lag körnig und schlecht verdaulich auf den Serviertellern. Meine liebsten Freunde merkten natürlich sofort, dass ich die Rezeptur verändert hatte und das Ergebnis schwer im Magen liegen würde. Dennoch aßen sie alles auf, ohne mit der Wimper zu zucken. Es wurde ein trauriger Abend. Es wurde der beste Abend meines Lebens.


21.12. Die Krügerin hat Vorfahrt

Wer eine übergebührlich lange Reise plant, sollte dringend prüfen, ob er reisetauglich ist. Das tat ich heute. Ich steckte den Koraner in die Tasche, griff meinen halb gefüllten Koffer und marschierte los. Vom Nachbarbalkon winkte mir der Selbstmordattentäter nach. Er sprengte gerade seine Geranien mit Eisbomben. Ich ließ mich von den Explosionen nicht stören, schritt munter aus und freute mich, als sich die Umgebung durch mein Wandeln wandelte. Die Häuser, die zuvor neugierig am Straßenrand auf mich gewartet hatten, schoben sich vornehm zurück. Hohe Mauern und Hecken wuchsen aus dem Boden. Das Klima wurde rauer, und alle Damen, die mir begegneten, hatten sich mit Pelztieren behängt. Ich wollte mehr über diese Gegend erfahren und klingelte an der nächsten Tür. „Ah!“ Mich strahlte eine verarmt wirkende Greisin an. „Sie wollen mir bestimmt frohe Weihnachten wünschen. Ich habe auch was für sie.“ Dann drückte sie mir einen 10-Euro-Schein in die Hand und schlug die Tür zu. Nun finde ich Geldscheine zwar ganz hübsch und habe auch schon mal welche gesammelt. Doch wollte ich weder Weihnachten wünschen noch Scheine bekommen. Ich wollte etwas über die Gegend lernen. Sooft ich klingelte (ich tat es noch vier Mal), steckte mir die Greisin mit dem gleichen Text erneut Geld zu. Auch bei anderen Türen blieb ich erfolglos. Die Damen sahen zwar grundverschieden aus, aber alle gaben mir Geld und niemand eine Auskunft. Schließlich war ich im Besitz von 360 Euro und mit den Nerven am Ende. Nur noch eine Tür, nahm ich mir vor, wenn es da wieder nur Geld gibt, fährst du nach Hause! Ich hatte Glück. Es gab kein Geld. Eine nubische Priesterin öffnete und lächelte mich an. „Sie wünschen?“ „Ich würde gerne etwas über diese Gegend erfahren?“ rief ich. „Diese Gegend?“ Sie nickte nachdenklich ihren Gedanken zu. „Diese Gegend war einmal voller wohlhabender Menschen. Sie bauten große Häuser und Fabriken. Aber das Schicksal ist ein Rad. Wer von seinem Lauf an die Spitze des Glücks getragen wird, den führt es danach automatisch wieder nach unten. Die Leute wurden arm und starben. Nun gibt es nur noch die Häuser. Prachtvolle Fassaden zwar, doch dahinter wohnen mittellose Witwen, die ihre Rente an der Haustür verschenken. Mit dem Geld ist es wie mit der Kritik. Wer im Überfluss austeilt, lernt nicht, damit umzugehen. Wir haben für Weihnachten schon eine Nachbarschaftshilfe organisiert, die diesen armen Frauen unter die Arme greift. Hätten sie nicht Interesse, uns finanziell zu unterstützen?“ Ich gab der nubischen Priesterin meine 360 Euro und verabschiedete mich dankbar. Es war höchste Zeit, denn mein Ausflug war ja nur eine Vorfahrt. Ich musste den kompletten Weg noch zurücklaufen. Während mir die Beine auf dem Heimweg schwer wurden, dachte ich an den Kreislauf der Dinge. Das Geld wandert von einer Hand zur nächsten und zurück. Ich reise um die Welt. Und der Koraner in meiner Tasche dreht Däumchen. Das Leben ist ganz schön bewegend.


22.12. Logged Off

Mein Traum der Nacht barg eine Prophezeiung. Ich hatte die Grenzen zum Ruin übertreten und kletterte seine steilen Hänge empor. Schnee umspielte als tanzender Flockenvorhang meine Schultern und malte den Sombrero des Koraners weiß. Er saß frostbeulend auf meiner Schulter und sang die 98. Sure. Der Aufstieg wurde gefährlich rutschig. Meine frostroten Finger schmerzten, wann immer sie Halt in den eisigen Felsen suchten. Dennoch kletterte ich weiter dem Gipfel des Ruins entgegen. Es rumpelte und qualmte an der Spitze des Berges. Ein Ausbruch schien kurz bevorzustehen. Da brach auf einmal der Himmel auf, und ein Sonnensee ergoss sich über die verschneiten Hänge. „Das Klima wandelt sich“, behauptete ein Lama, das uns entgegenstapfte. Der Schnee begann zu dampfen. Rinnsale warmen Wassers gruben tiefe Schluchten in das Eis, verbanden sich zu Bächen und Flüssen, bis der ganze Abhang ein einziger Strom genährt von den tauenden Gletschern des Ruins geworden war. Ich konnte mich nicht mehr halten, wurde samt Koraner von den hinabstürzenden Fluten fortgespült und erwachte schweißnass in meinem Bett. Alles war still. Nur des Koraners Schnarchen klang leise aus irgendeinem Blumentopf. Es war noch dunkel oder schon wieder dunkel. In diesen kurzen Tagen spielt das kaum eine Rolle. Ich erhob mich leise, ging zu den Anschlüssen meiner Wohnung und zog die Stecker zu der Netzestadt heraus. Mein Computer wimmerte überrascht. Er hatte keine Ahnung, was ihm noch bevorstand. Es tat weh, ihm beim Sterben zuzusehen. Er stöhnte laut, dann immer schwächer, bis er sich noch einmal mit einem anklagenden Schrei aufrichtete, um endgültig tot zusammenzubrechen. Ich begrub ihn unter der Kirsche im Vorgarten. Ich wollte ihm auch noch das Marsia sprechen, aber der Koraner hielt mich davon ab. Alles war unwirklich. Ich musste es mir immer wieder vorsagen, damit ich es glaubte: „Er ist tot. Du bist bereit zur Reise. Du hast dich von der Netzestadt gelöst.“


23.12. Ein alter Freund

Mir war am Vormittag übel, und ich hatte Kopfschmerzen. Zuerst dachte ich, ich hätte mir eine Grippe gefangen. Die fliegen zurzeit oft an meinem Fenster vorbei und nicht selten verirrt sich eine in meinem Zimmer. Aber dann fiel mir ein, dass ich seit gestern von der Netzestadt gelöst bin. Sicher habe ich Entzugserscheinungen. Ich beschloss, durch die Stadt zu flanieren, um mich abzulenken, und steckte den Koraner in die Tasche. Die Welt vor meiner Haustür war voller Menschen. Alle folgten ihrer eigenen wunderschönen Musik. Aber der Zusammenklang war eine Kakophonie aus bepackten dicken Taschen und gestressten Gesichtern. Ich wurde durch die Stadt gerempelt und stand plötzlich vor einem alten Freund. Wir blickten uns verlegen an. „Hallo.“ „Hallo.“ „Wie geht es dir?“ „Gut. Und dir?“ „Auch gut.“ Wir schwiegen. Um uns hatte sich ein Kreis von Menschen geschlossen, die unser Wiedersehen neugierig verfolgten. „Was machst du denn jetzt?“ „Ach.“ Wieder Schweigen. Immer mehr Menschen sahen uns zu. Die Verlegenheit wurde greifbar. Ich nahm mir ein Stück und gab es dem Koraner, der in meiner Tasche vor Langeweile unruhig geworden war. Da kam plötzlich Leben in meinen alten Freund. „Weiß du? Ich bin jetzt im Gesichtsbuch. Du auch?“ „Nein“, denn ich hatte mich von der Netzestadt ganz gelöst. Der Koraner ging mit einem Hut herum, und ein paar Leute warfen Münzen hinein. „Aber du könntest dich anmelden. Ich würde dich adden.“ „Nein“, wiederholte ich entschieden. Mein alter Freund war beleidigt, vor allem deshalb, weil jetzt ein paar aus dem Publikum klatschten. „Wir müssen uns unbedingt mal wiedersehen.“ „Ich rufe an.“ „Super, mach‘s gut.“ „Du auch.“ Wir waren geschiedene Leute, und der Kreis unserer Zuschauer vermischte sich mit den vorbeiströmenden Passanten. Der Koraner kaufte sich von den 2,20 Euro aus dem Hut ein Vanilleeis und tanzte bewaffelt auf dem Heimweg vor mir her. Ich knetete nachdenklich die Verlegenheit, die er in meiner Tasche zurückgelassen hatte. Sie war krümelig und roch seltsam, würde aber wahrscheinlich gut zum Schmerz schmecken, von dem ich immer noch ein Stück im Küchenschrank hatte. Ich beschloss, beides in den Koffer zu legen, falls ich auf der Reise Lust auf einen melancholischen Tee verspürte. Als ich die Wohnung betrat, qualmte die Pendeluhr. Der Phönix hatte seinen Geist aufgegeben. Nur ein Häufchen violetter Asche war von ihm übrig geblieben. Aber ich habe ja noch das Ei.


24.12. Es schreinachtet sehr

Ich habe im Alter von sieben Jahren den Kontakt zur Familie fast vollkommen abgebrochen. Mein Vater war ohnehin nie im Haus. Er saß die meiste Zeit im Stau und rief nur am Wochenende an. Meine Mutter dagegen stotterte, das fand ich peinlich. Ich habe noch sieben jüngere Geschwister, die allesamt grottenhässlich und molchdumm sind. Schon früh war mir klar, dass ich als Kind vertauscht worden bin. Ein Hund hätte besser in diese Familie gepasst oder ein roter Gummiball. Ich jedenfalls gehörte nicht dazu. Ich machte das Beste aus meiner Situation und wuchs einfach auf, ohne mich um die anderen zu kümmern. Als ich sieben wurde, tauschte ich mein Bobby Car gegen ein kleines Haus am Stadtrand und zog dorthin. Ich sehe meine Familie seitdem nur noch an Weihnachten. Anfangs waren diese Treffen furchtbar. Mein Vater hupte auf den Anrufbeantworter, und meine Mutter bekam außer stimmlosen Plosiven höchstens Zungenbrecher heraus. Meine Geschwister waren inzwischen Fotomodels, Friedensnobel- und Oscar-Preisträger geworden und fanden nie ein passendes Gesprächsthema. Wir kamen immer mit der Hoffnung auf einen weihevollen Abend zusammen. Das war der Funke, der die explosiv familiäre Mischung zum Knallen brachte. Kaum war das erste Weihnachtslied gesungen, schrien wir uns an. Wir warfen uns Hasswörter und den Nachtisch ins Gesicht. Tränen gehörten zu diesem Feiertag genauso wie ein wütendes Rollen über den Teppich. Das ging alle Jahre wieder so, bis mein Viertelbruder Wilhelm (das ist der, der das Natrium erfunden hat) den Vorschlag machte, dem Abend jedes weihevolle Moment zu entziehen. „Nennen wir es doch Schrei-Ich-Abend!“ Wir stimmten lauthals zu. Seitdem geht es bei unserem Familientreffen zwar weiter ohrenbetäubend zu, aber wir rufen uns nur Nettigkeiten an den Kopf. Am Schreinachtsmorgen bin ich regelmäßig heiser. Diesmal hatte ich mir schon vorher ein Gebrüll zurechtgebastelt und hübsch verpackt. Der Koraner stieß ein paar Quieker aus, die ich dazulegte. Meine Geschwister und ich trafen uns im verwaisten Haus der Eltern. Meine Mutter ist vor vier Jahren gestorben. Sie erstickte während einer Lesung an einem bilabialen Frikativ. Mein Vater hat vor 10 Jahren sein Handy verloren, seitdem erreichen wir ihn nicht mehr. Wer weiß, ob er nicht schon längst im ewigen Stau vor dem Paradies steht. Aber das Haus gehört ja auch zur Familie, und wir wollen es nicht allein feiern lassen. Es wurde wieder ein toller Abend. Wir brüllten alle zusammen Stille Nacht und aßen meine Abwehrkröte in Fenchelrübe. Wir donnerten noch etwas über meine geplante Reise und machten Bescherung. Die Quieker des Koraners kamen besonders gut an. Dann gingen wir in die Kirche. Das Gotteshaus wurde letztes Jahr an einen Satanisten verkauft. Seitdem haben die Messen deutlich mehr Pep. Nun bin ich wieder glücklich daheim. Es war ein tolles Schreinachten. Ich habe sogar etwas geschenkt bekommen: eine temporale Gefrierbox. Ich überlege, ob ich darin den Schikanier mit auf die Reise nehme. Der liegt immer noch im Gefrierfach. In der Ecke brabbelt glücklich mein Koraner vor sich hin. Er spielt mit seinem neuen Schrayatollah.


25.12. Denkt Euch, die Krügerin hat das Istkind gesehen

Ich war gerade mit schweren Lidern in den neuen Tag geschlummert, ohne richtig zu schlafen, da erschien mir das Istkind. Es trug wie immer goldene Locken und ein weißes Gewand. Aber es hatte keine Flügel wie der Hättehans, das Könntekamel und das Würdewesen, die mir oft einen Besuch abstatten. Meist beglücken sie mich mit wunderschönen Geschenken. Heute kommen sie aber sicher nicht. Am 25. Dezember kommt immer nur das Istkind. In seiner Begleitung sind Verzweiflung und Tränen. Alles, was das Könntekamel und seine Kumpel mir über das Jahr verteilt geschenkt haben, zerstört das Istkind am 25. gnadenlos. So war es auch diesmal. Es beachtete mich nicht, sondern marschierte zielstrebig in die Ecke. Dort hatte ich in der Aufräumwoche meine Luftblasen, Tagträume und Taschenlügen gestapelt. Seine Waffe ist eine hauchdünne Nadel, doch diese reichte, um in wenigen Sekunden einen See geplatzter Träume zu hinterlassen, den der Koraner mit einem Taschentuch aufwischte. Das Istkind kam nach seiner herzlosen Tat auf mich zu und blickte mich hämisch an: „Na? Jetzt biste verzweifelt, was?“ Ich schüttelte stoisch den Kopf. „Du kannst mich nicht zur Verzweiflung bringen. Was bist du schon, du mit deiner Nadel? Du kannst mir tausend Träume zerstören, aber du wirst immer auf dem Boden der Tatsachen hocken wie ein gerupfter Vogel. Der Hättehans und seine Freunde mögen Luftiküsse sein, aber sie haben Flügel. Sie erreichen Sphären, die du dir nicht einmal vorstellen kannst. Und die Geschenke, die sie mir von dort mitbringen, sind Gift für dich.“ Meine Worte gefielen dem Istkind überhaupt nicht. Es wurde puterrot, stampfte mit den Füßen auf und rannte unter dem Gelächter des Koraners davon.


26.12. Ein Tag im Tagebuch

Meine Schwester Martin hatte mir beim Familientreffen ein kleines Päckchen für die Reise zugesteckt. Sie sagte, ich dürfte es nicht zu früh öffnen. Ich habe ihr versprochen, mich daran zu halten. Heute aber hat der Koraner vor dem Küchenschrank die 13. Sure gesungen. In einer der Schubladen des Schrankes schläft seit eh und je meine Neugier. Natürlich wurde sie wach, denn der Koraner sang schreinachtsheiser scheußlich. Als meine Neugier gähnend die Augen öffnete, öffnete ich das Päckchen. Es enthielt mein Tagebuch. Die Tage waren geordnet nach Datum und nicht, wie ich es machen würde, nach Stimmungen. Heiteres folgte unmittelbar auf Trauriges. Eklatant auf Seite 1 standen die Ereignisse meines Geburtstages, ganz am Ende schloss das Buch mit den Verwicklungen um meinen Tod. Hätte ich Tagebuch geschrieben, dann hätte ganz hinten der 27. Mai 2013 gestanden. An diesem Tag wird nämlich überhaupt nichts passieren. Auf der ersten Seite jedoch stünde die Sache mit dem Quarkstern. Ich hatte extreme Lust, die Geschichte Revue passieren zu lassen und blätterte eifrig, bis ich den betreffenden Tag aufgeschlagen hatte: „Liebes Tagebuch. Heute habe ich mit meinem Geliebten einen Diskurs neben dem Strandcafé eröffnet. Der Diskurs war so schwer, dass er direkt in sich zusammensackte und ein schwarzes Loch gebar. Dieses sog alles gnadenlos in sich auf, was ihm zu nahe kam. Mein Geliebter und ich kreisten natürlich sicher um die Singularität. Wir hatten vor dem Diskurs eine Sprache gefunden, die uns schützte. Alles andere ersoff. Das Café, der Strand, das Meer, es stürzte ins Nichts, während wir redeten. Bald würde selbst das Universum versacken. Wir können nicht zulassen, dass alles vernichtet wird! schrie mein Geliebter. Bevor ich ihn davon abhalten konnte, ließ er unsere Sprache los und verschwand ihn der Nichtigkeit des Themas. Natürlich wollte ich ihm folgen und stieß mich von der Sprache ab. Doch anstatt nicht mehr zu existieren, knallte ich in eine lieblose Einsamkeit. Der Diskurs hatte sich in einen Quarkstern verwandelt und war auf meinen Teller gefallen. Ich aß ihn unter Tränen auf.“ Es hatte Spaß gemacht, den Tag wieder in den Händen zu halten, aber auch ein wenig traurig. Der Koraner hatte Beine baumelnd auf dem Tisch gesessen und mir zugehört. Ich hatte lauter gelesen, als ich erwartet hatte. Nun gab er mir ein Feuerzeug, damit ich das Buch verbrenne. Ich werde es ganz bestimmt machen. Weil meine Neugier aber immer noch auf ist, lese ich vorher noch schnell, was an meinem Todestag geschieht. Igitt, da esse ich Ravioli! Die mochte ich noch nie.


27.12. Wohnungsbesichtigung

Mein Zwischenmieter hat sich angemeldet. Er wollte seiner Mutter die Wohnung zeigen, bevor er in zehn Tagen einzieht. Glücklicherweise sind die beiden nicht am Schikaniertag zur Besichtigung gekommen. Alles war blitzblank. Mutter Mustermann zeigte sich besonders begeistert von dem Sauberteig in meinem Ofen. Der Koraner backt heute einen Hygienekuchen. Nur den Mini-Apfelbaum im Parkett sollte ich noch entfernen. Herr Schmitz-Mustermann leidet an einer Obstallergie. Kein Problem. Ich werde den Baum fällen. Dann habe ich gegen die kleine Kälte ein Bonsailagerfeuer zur Hand. Mein Zwischenmieter fragte, wie es käme, dass ich ein ganzes Jahr verreisen könne. Ob ich nicht arbeite. Ich antwortete wahrheitsgemäß, dass ich meine Arbeit vor zwei Jahren beim amerikanischen Roulette verloren habe und seitdem das Glücksspiel meide. Roulette ist irre gefährlich. Bei der russischen Variante kann man sogar das Leben verlieren. Ich lebe lieber ohne Arbeit und dafür länger. Ich fragte den neugierigen Zwischenmieter, was er denn arbeite. Er sagte, er wolle bei einer der Soldatenfabriken anheuern, die gerade wie Pilze aus dem Boden schießen. Die Arbeit ist leicht. Man erhält eine Uniform, Stiefel und einen Befehl, und schon ist man ein Soldat. Manche Soldaten müssen einfach nur marschieren, andere werden in weit entfernten Ländern an Kanonen verfüttert. Das ist eine hoch komplizierte Angelegenheit, die er nicht ganz durchblicke, sagte Herr Schmitz-Mustermann. Aber es wäre wohl so, dass durch Verfütterung der Soldaten Sicherheit, Freiheit und Frieden verteidigt würden. Und das ist allemal zu begrüßen. Die Arbeit wäre ein bisschen gefährlich, würde aber gut bezahlt. Ich fand die Geschichte von der Kanonenfütterung hochspannend und hoffe, auf meiner Reise einer derartigen Speisung beiwohnen zu können. Draußen war es inzwischen dunkel geworden. Ein gleißender Stern versprühte göttliche Funken und machte alles schwarzweiß. Ich blickte geblendet zu Boden und merkte, dass Herr Schmitz-Mustermann keinen Schatten warf. Da fröstelte ich etwas.


28.12. Die Krügerin hat Töne

Es ist höchste Zeit, die Wechselwäsche für die Reise auszuwählen. Erst glaubte ich, ich müsste auf jede Eventualität vorbereitet sein. Als ich aber merkte, dass der Kleiderschrank nicht in den Koffer passt, reduzierte ich meine Reisewäsche auf dreierlei. Erstens eine Pudelmütze, weil ich laufend Pudel treffe, denen kalt am Kopf ist. Zweitens ein Taschentuch, weil der Koraner so gerne niest. Und drittens eine Badehose, denn eine Reise, bei der man nicht Baden geht, ist langweilig. Ich fand die Auswahl reichlich, doch das Gepäckstück war nicht einmal dreiviertelvoll. Das machte mir etwas Sorgen. Zuviel Platz im Koffer kann auf die Dauer ganz schön schwer werden. Da klang mit einem Mal eine Altstimme durch das Wohnzimmerparkett. Die Töne vibrierten in der Luft und spiegelten die Geräusche der Wohnung wieder. An Musik hatte ich lange nicht mehr gedacht. Dabei wohnt unter mir eine ausgediente Opernsängerin. Ich nahm eine Tontasche, klingelte bei der Dame und fragte, ob sie mir nicht ein paar Lieder für die Reise schenken könne. Obwohl sie mich hauptsächlich vom Fußstapfen kennt, sang sie mir eine halbe Stunde in den Beutel. Einige Lieder waren sehr anziehend. Doch ich denke nicht, dass ich mich auf der Reise leichtfertig damit kleiden werde. Die Lieder sind mir einfach zu kostbar. Mit dem Liedersack ist der Koffer fast ganz ausgefüllt. Als Dankeschön schickte ich den Koraner mit dem Hygienekuchen nach unten, den er gestern gebacken hat. Ich selbst mag solches Backwerk nicht. Aber meine Parkettsängerin hat mir erzählt, dass gestern ein wunderbarer Duft von der Decke herabgekrochen wäre. Der war sicher aus unserem Backofen entwischt.


29.12. Heimweh

Da ist man reisefertig vom Zehennagel bis zu den Haarspitzen. Der Koffer ist gepackt, das Umfeld auf eine längere Abwesenheit vorbereitet, und dann passiert so etwas. Ich war kurz in den Kiosk gesprungen, um eine vernünftige Illustrierte für die Fahrt zu besorgen, da fällt mich brüllend eine neue Liebe an. Sie stand vor mir an der Kasse und bestand nur aus Körper. Kaum hatten wir uns in die Augen geblickt, stürzten wir schon in meine Wohnung. Gottseidank war der Koraner an den Rhein gegangen, um sich von den Schiffen zu verabschieden. Das, was wir im Flur veranstalteten, hätte ihm vielleicht nicht gefallen. Ich und mein neuer Geliebter fielen ineinander wie ein Kartenspiel. Weil ein ständiges Verlangen uns durchmischte, brachten wir mehrere Partien hinter uns, ehe wir im Schlafzimmer zur Ruhe kamen. Wir fanden zu Worten und verstanden uns auch ohne Berührung. Wer mag mir einen Vorwurf machen, dass ich meine Reisepläne bereits verwarf, während ich ihm davon erzählte! Doch er wollte nichts davon hören. „Natürlich fährst du! Du kannst nicht einen Monat Planung nur wegen mir über den Haufen werfen. Ich werde auf dich warten, wenn es sein muss, jahrelang.“ Ich weinte, als er aufstand und sich anzog. Obwohl ihm meine Tränen sichtbar zusetzten, wollte er weder bleiben noch mir sagen, wohin er ging. „Ich komme erst wieder, wenn du von der Reise zurückgekehrt bist! Aber dann bleibe ich für immer.“ Ich konnte kaum sprechen, so heulte ich: „Und wenn ich gar nicht fahre?“ „Dann werde ich nie mehr zu dir zurückkehren! Meine Liebe ist deine Rückkehr.“ Er küsste mich ein letztes Mal und ließ mich zitternd auf dem Fußboden sitzen. Ich heulte noch, als der Koraner zwei Stunden später wiederkam. Er wollte wissen, was mit mir los sei. Ich sagte kein Wort. Ich trage immer noch das Gefühl seiner Küsse auf den Lippen. Meine Seele ist eingerissen wie dünnes Butterbrotpapier. Vielleicht muss das so sein. Vielleicht müssen alle Reisenden mit einer Sehnsucht im Herzen fahren, damit sie nicht vergessen, wo ihre Heimat ist.


30.12. Die Krügerin nimmt Abschied

Ich gehe durch die Straßen meines Viertels – zum letzten Mal. Die Häuser winken mir mit ihren Gardinen nach. Überall liegt Abschied auf den Bürgersteigen. Die Stadtverwaltung hat ihn gegen den Schnee gestreut, weil ihnen das Salz ausgegangen ist. Abschied sieht zwar hübsch aus, hilft aber nicht gegen Glätte. Manchmal greife ich in einen der Haufen und lasse ihn durch meine Finger auf den Schnee rieseln, während ich weitergehe. Nur wenige Menschen kommen mir entgegen. Ich kenne keinen. Wahrscheinlich sind es Ausländer. Meine Friseuse Gisela hat mir mal erzählt, dass immer mehr Ausländer ins Viertel ziehen. „Irgendwann“, hat sie gesagt, „sind es mehr Ausländer als Einheimische. Dann ist unser Viertel Ausland.“ Ich glaube an den Ausgleich der Dinge. „Weißt du was, Gisela?“ habe ich geantwortet. „Wenn unser Viertel Ausland ist, wird vielleicht gleichzeitig das Ausland Viertel. Wir kaufen unsere Röggelchen dann in der Karibik, und dein Friseursalon steht an einer Dschungelkreuzung.“ Gisela hat gekichert und mir eine tolle Tolle in die Stirn gekämmt. Ein albernes Gespräch unter Einheimischen. Es scheint schon ewig her. Übermorgen werde ich losziehen, den Grenzen meines Landes entgegen. Ich werde sie übertreten und plötzlich mitten im Ausland stehen. Das Inland wird fern sein wie der Horizont. Und so verrückt das klingt, ich werde Ausländer im Ausland sein, ohne zum Ausland zu gehören. Ein Fremder in der Fremde. Ich fühle mich jetzt schon ein wenig verloren. Da begegnet mir doch noch ein bekanntes Gesicht. Es ist mein Nachbar, der Selbstmordattentäter. „Wie gut, dass wir uns treffen! Ich habe was für deine Reise gebaut.“ Er reicht mir ein Paket. Es ist bunt verpackt, und ein heiteres Ticken kommt aus dem Inneren. „Wenn du dich einsam und verzweifelt fühlst, dann öffnest du es. Am besten, wenn du von ganz vielen Menschen umgeben bist, im Flugzeug oder in der Bahn.“ Ich danke ihm von Herzen und wünsche ihm viel Glück mit meinem Zwischenmieter. Zuhause lege ich das tickende Paket in den Koffer. Damit ist er wirklich voll. Ich bekomme ihn nur mit Hilfe des Koraners zu.


31.12. Umnachtet

Das ist er, der letzte Tag. Mein Bett ist abgezogen, meine zurückbleibende Wäsche eingemottet. Ich gehe durch die Zimmer und schalte alles ab. Ich drehe das Wasser am Haupthahn zu, mache die Heizung aus. Ich ziehe das Telefonkabel aus der Wand. Zum Schluss gehe ich zum Stromkasten und lege den FI-Schalter um. Nun ist die Wohnung vollkommen von der Außenwelt getrennt. Licht kommt allein durch die großen Fenster. Ich gehe ins Wohnzimmer, setze mich auf meinen verschlossenen roten Koffer und sehe dabei zu, wie sich die Dunkelheit heranschleicht. Neben mir hockt der Koraner und spielt mit seinem Schrayatollah. Sein Puppentheater ist unterhaltsam. Ich merke gar nicht, wie die Nacht zu mir tritt. „Du willst mich verlassen?“ fragt sie. Ich widerspreche. „Ich verlasse dich nicht. Du wirst mit mir kommen.“ Sie schüttelt den Kopf. „Nein, das werde ich nicht. Andere Nächte werden dich besuchen. Die Nacht der Südsee, die heranstürzt wie ein junges Pferd. Oder die Polarnacht, die älter ist als die Welt. Ich aber werde hierbleiben. Ich werde erwartungsvoll jeden Abend dein Zimmer betreten, in der Hoffnung, dich zu finden. Aber du wirst nicht da sein.“ Sie erstarrt mit einem Mal. Draußen heulen unzählige Raketen in den Himmel und erleuchten die Welt. Die Nacht ist zum Tag geworden. Ich habe eine geliebte Freundin zum vorerst letzten Mal gesehen. Ich werde sie vermissen.
Stefan Krüger, Stefan Krüger, Dezember 2010
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