Stefan Krüger | lyrische Texte
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denn sprache lebt
wild tanzt der sinn auf unsern zungen
bis er als laut von dannen hallt
was so gesagt wird und gesungen
verändert laufend die gestalt

die sprache scheint durch nichts gebunden
so wie sie unserm mund entweicht
hat sie ein ideal gefunden
das nie ein regelbuch erreicht

denn sie versteht und wird verstanden
und bleibt sich dabei doch nicht treu
kommt ihr einmal ein wort abhanden
erfindet sie sich flutt eins neu

das baby brabbelt neugeboren
der yuppie talkt fain anglophil
es stottert der migrant verloren
doch sprache findet so zum ziel

sie fliegt uns schallend um die ohren
nur manchmal fängt sie auch ein stift
ganz ohne luft und lautverloren
verkriecht sie sich in eine schrift

ein eindruck ausgesprochner zeiten
der derart groß und wichtig scheint
dass man ihn sich für ewigkeiten
in starrer schrift zu wahren meint

mit schwarzer tinte vollgesogen
wiegt jedes wort besonders schwer
es klebt wie bleiern auf dem bogen
und wandelt sich dabei nicht mehr

die sprache aber lebt, indessen
verliert verschriftlichtes den sinn
erst wird es fremd und dann vergessen
und schließlich stirbt es ganz dahin

das schicksal muss wohl alles teilen
was man sich so daniederschreibt
auch jene hier gefassten zeilen
zerfallen, bis nichts übrigbleibt
Stefan Krüger, Köln-Bonn, 13./29. August 2017
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