Stefan Krüger | lyrische Texte
Start Texte Impressum
zurück
die kaninchen des abakus oder so ähnlich
eine Schiller-Verlade
zum kampf der wagenkarawanen
der auf den deutschen autobahnen
die urlaubsfreunde eint per se
fuhr abakus im bmw
er hatte vierzehn flachmembrane
mit jeweils siebenhundert watt
und fuhr so technovoll im trane
in richtung seiner heimatstadt

da warnt ihn die verkehrsdurchsage
vor stau in jeder straßenlage
denn es ist ferienbeginn
er bremst und steht schon mittendrin
nichts regt sich mehr in allen fluren
nur die kaninchen aus dem wald
bevölkern jetzt die stillen spuren
und rammeln heiß auf dem asphalt

‚seid mir gegrüßt, befreundte scharen
zu gern hätt ich euch überfahren
doch dichter stau hält mich zurück
mein stillstand fördert euer glück
ihr könnt euch an dem ort entzücken
an dem sonst heiß mein reifen raucht
so mag euch nun in stunden glücken
wofür ihr sonst sekunden braucht‘

mit stop and go geht‘s langsam weiter
und noch ist seine laune heiter
da stoppen plötzlich grausam hart
zwei polizisten seine fahrt
den führerschein hat er zu zeigen
und bald vergreift er sich im wort
man lässt ihn aus dem auto steigen
und führt ihn ohne rechte fort

er ruft die menschen an, die götter
und findet doch nur kalte spötter
die aus den autos rings um her
ihn laut verlästern mehr und mehr
‚so muss ich meinen schein verlieren,
auf der a4 im dichten stau
das kann auch echt nur mir passieren
hey, lass mich los, du bullensau!‘

man legt die hände ihm in schellen
da tönet der kaninchen gellen
obwohl er schon gefesselt liegt
hört er, wie‘s nahe furchtbar quiekt
‚von euch, kaninchen auf dem felde
wenn keine andre stimme spricht
erwarte ich gewiss in bälde
ein statement vor dem strafgericht‘

man führt den sünder vor den richter
und schnell kommt jener auf den trichter
dass abakus in diesem land
schon häufig vor dem kadi stand
‚und muss ich so dich wiederfinden?
ich freue mich mit vater staat
du wirst sehr lang im knast verschwinden
denn das war wiederholungstat‘

und jubelnd schreibt die presse später:
ins kittchen, wiederholungstäter!
ganz deutschland ist erfüllt von glück
gerechtigkeit kehrt nun zurück
und stürmend drängt zum bundestage
das volk, es fordert seine wut
ein tempolimit! heutzutage
fährt man gemächlich mehr als gut

doch will der mob, der lauter kreischet
und eitel noch nach beifall heischet
gelocket von der presse pracht
auch wirklich, dass man‘s rechtlich macht?
denn fährt nicht jeder gerne schneller
ist eine straße weit und breit?
und fällt der tacho in den keller
verursacht das nicht manches leid?

es bremsen viele, die da hasten
laut fluchend vor dem starenkasten
und mancher mann verfällt dem wahn
nur ihm gehört die autobahn
ja, ist man mal allein zu fuße
im stadtverkehre unterwegs
dann hält man andre an zur muße
wer schnell fährt, geht uns auf den keks

doch wenn wir erst im auto sitzen
dann muss man uns gehörig blitzen
weil mancher mit dem fuß am gas
die eigene rasanz vergaß
dumpfbrausend wie gewittergrollen
erweist der motor seine kraft
wie hätte man da schleichen wollen
wo man doch hundertachtzig schafft?

wer zählt die völker, nennt die namen
die rasend schon nach flensburg kamen?
von achim müller-lüdenscheid
bis rita schmitz, von erwin breit
bis doktor peter rudolph hunkte
aus allen kreisen kamen sie
und sammelten sich fleißig punkte
und keiner konnte sagen, wie

die eckig grün an allen straßen
die schnelligkeit der sünder maßen
fast unsichtbar im hintergrund
sind für den raser ungesund
so stehen keine ordnungshüter
mit rarem polizeigehalt
es fängt den autobahnenwüter
ein apparat in blechgestalt

auf überirdisch hohen masten
da wachen fratzengleiche kasten
ein auge misst: wie schnell fährst du?
ein zweites macht ein bild dazu
wo andern haare lieblich hängen
um menschenstirne freundlich wehn
und golden sich die löckchen drängen
kann man bei ihnen eisen sehn

und schauerliches innenleben
ist jedem apparat gegeben
der alles misst, was ihn passiert
und wer zu schnell fährt, der verliert
denn niemals scheinfromm im gebaren
macht es ganz leise ‚klick‘ dabei
ein foto zeigt, wer wie gefahren
es duldet nicht der raserei

‚wohl dem, der frei von hast und hetze
das tempolimit nicht verletze
ihm dürfen wir nicht rächend nah‘n
er fahre frei die autobahn
doch wehe, wer mit heißem eisen
freund bleifuß sich zum gott erhebt
dem werden wir mit bild beweisen
dass er nicht nur zum spaße lebt

und glaubt er, fliehend zu entspringen
ihm wird es nimmermehr gelingen
per post wird ihm dann zugestellt
was ihm ganz sicher nicht gefällt
wir werden punkt für punkt bewahren
auf tränen fallen wir nicht rein
und ist er viel zu schnell gefahren
verliert er den geliebten schein‘

so singend stehen sie in scharen
und jeder, der vorbeigefahren
bremst unter ihren schatten schwer
sie hindern herzlos den verkehr
dann heimlich suchen sie verstecke
verschwinden still im hintergrund
und stehen bald an mancher ecke
und geben flensburg sünder kund

und zwischen trug und wahrheit schwebet
noch zweifelnd jede brust und bebet
und fluchet dieser kalten macht
die blitzend im verborgnen wacht
die unbestechlich und begründet
so manche fahrt beenden muss
und mit der morgenpost verkündet:
‚ab heute fährst du nur noch bus‘

da hört man auf den trittbrettstufen
auf einmal eine stimme rufen:
‚sieh da! sieh da! der abakus!
seit wann fährst du denn mit dem bus?
und finster plötzlich wird die miene
denn über vierzehn plätze hin
sieht er die müller katharine
was für ein arbeitstagsbeginn!

der abakus, sein teurer name
sie tratscht ihn weiter, die infame
und wie im meere well auf well
so läuft‘s von mund zu munde schnell
‚der abakus, der alte flitzer
der neulich noch im kittchen saß
der ist jetzt jobticketbesitzer
na, eine lehre sei ihm das!‘

und immer mehr wird des geredes:
‚ich sah ihn gestern gar per pedes!‘
durch alle herzen: ‚gebet acht!
das ist der starenkasten macht‘
der alte raser hat nun weile
der hetzer wird zum schleicher jetzt
er sieht im busse ohne eile
die fahrt von anderen verletzt

er lässt sie dennoch schadlos fliehen
nur eines hat er nie verziehen:
dass kein kaninchen zu ihm kam
als man ihm seinen lappen nahm
und dafür rächt er sich besessen
er hat zu jedem mittagsmahl
seither kaninchenfleisch gegessen
es schmeckt ihm nicht? das ist egal
Stefan Krüger, Brühl, August 2003
zurück