Stefan Krüger | lyrische Texte
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Aschenputtel
Die wahre Geschichte
Ihr glaubt, Ihr kennt das Märchen gut?
Ihr irrt! Im Echten spritzt mehr Blut.
Die Fälschung, die man uns berichtet,
hat man vor langer Zeit gedichtet
und kraft- und saftlos ausgedacht,
damit sie Kinder glücklich macht.
Der Anfang stimmt noch ungefähr,
doch danach wirklich gar nichts mehr:
Die beiden bösen Schwestern waren
auf ein Bankett ins Schloss gefahren.
Das arme Aschenputtel ließ
man fies im fauligen Verlies,
wo kranke, abgezehrte Ratten
an ihrem Fuß zu knabbern hatten.

Sie brüllte: "Hilfe! Lasst mich frei!"
Die gute Fee vernahm den Schrei.
Sie kam mit einem Blitz herbei
und fragte, ob zu helfen sei.
Das Puttel schrie: "Da fragst Du noch?
Ich pfeife aus dem letzten Loch!"
Sie schlug auf Fee und Mauer ein
und schrie: "Ich will beim Brautball sein!
Jetzt ist doch Disko im Palast!
Und ich häng fest in diesem Knast!
Ich will ein Kleid und einen Wagen
und Schmuck, den Königinnen tragen,
und Silber-Pumps, zwei Paar am besten,
und Nylonstrümpfe, nur die besten,
und die Gewähr, dass mich bestimmt
der Prinz auch als Prinzessin nimmt.
Die gute Fee sprach: "Augenblick!"
Sie machte einen Zaubertrick,
und husch, eh Du′s gesehen hast,
war Puttel reich und im Palast.

Die Schwestern waren echt schockiert,
denn Puttel tanzte ungeniert
und schmiegte sich sehr selbstbewusst
an die gewünschte Männerbrust.
Der Prinz kam ziemlich schnell in Fahrt:
Er schmolz dahin (ein Teil blieb hart).
Dann schlug es Zwölf, sie schrie: "O Schei ...
Ich muss jetzt weg, sonst ist′s vorbei!"
Der Prinz rief: "Bleib! Du bist mein Glück!"
und hielt sie dreist am Kleid zurück.
Als Puttel schimpfte: "Lass mich gehen!",
zerriss ihr Kleid bis zu den Zehen.

Sie rannte raus nur in Dessous
und büßte stolpernd einen Schuh.
Der Prinz lief ihr vergeblich nach.
Er nahm den Schuh, und er versprach:
"Das Mädchen, dem der Pumps hier passt,
zieht als mein Weib in den Palast!"
Ich such in jedem Haus der Stadt,
bis man die Braut gefunden hat!"
Er warf den Schuh dann hinter sich.
Das war recht achtlos, fürchte ich,
denn jemand war darauf erpicht:
die Schwester mit dem Mopsgesicht.
Sie stahl den hübschen Pumps vom Fleck
und spülte ihn im Klo hinweg.
Dort, wo der Schuh gelegen hatte,
stand nun ihr eigner auf der Matte.
Ihr seht, jetzt wird es kompliziert,
und Aschenputtels Glück verliert.

Der Prinz ging stadtwärts tags darauf
und suchte alle Häuser auf.
Und ständig nahm die Spannung zu.
Wo war die Rechte für den Schuh?
Der Schuh war lang und äußerst breit
(für Standard-Füße viel zu weit),
er roch ein bisschen streng nach Schweiß
(der Fuß der Trägerin war heiß).
Und viele tausend Frauen kamen,
die ihn vergebens tragend nahmen.
Nun kam die böse Schwester rein
und zog ihn an. Der Prinz schrie: "Nein!"
Doch sie schrie: "Ja, Hurra, er passt!
Mach dich auf mich als Frau gefasst!"
Der Prinz erbleichte voller Graus
und murmelte: "Ich muss hier raus!"
Sie sagte stur: "Es ist versprochen.
Der Heirats-Eid wird nicht gebrochen!"
"Die Rübe ab!" schrie er zurück.
Und damit fiel das plumpe Stück.
Der Prinz war amüsiert und rief:
"Jetzt ist sie fast schon attraktiv!"
Nun kam die Schwester Nummer Zwei,
und rief: "Bringt mir den Schuh herbei!"
Der Prinz erwiderte "Nimm das!"
Die zweite Klinge wurde nass,
der zweite Kopf war ab und sprang
und kullerte am Boden lang.
Das Puttel war im Nebenzimmer
und hörte dumpf das Poltern immer,
wenn jemand seinen Kopf verlor.
Sie streckte ihren nun hervor
und rief: "Was soll der Krach im Haus?"
Der Prinz befahl: "Halt Dich da raus!"
Das Aschenputtel war bestürzt,
"Mein Traumprinz", dachte sie, "der kürzt
hier Köpfe und hat Spaß daran.
So einen will ich nicht zum Mann!"

Der Prinz rief laut: "Wer ist die Schlampe?
Schlagt ihr die Rübe von der Wampe!"
Doch da, mit Glanz und Zauberschimmer
erschien die Gute Fee im Zimmer.
Ihr Zauberstab schwang hin und her.
Sie sprach: "Auf Puttel! Wünsch dir mehr!
Wünsch irgendwas. Hab keine Angst,
denn ich erfüll, was Du verlangst."
Das Puttel rief: "Du bist so gut,
und ich bin diesmal auf der Hut.
Ich will kein Prinz nicht und kein Geld.
Ich wünsche nichts auf dieser Welt
so sehr wie einen rechten Mann.
Wenn′s sowas gibt, dann fang nur an!"
Nach einem Wimpernschlag genau
war Aschenputtel Ehefrau.
Ihr Mann war zwar nur Türvertreter
und laufend bloß ein halber Meter,
doch lebten sie vor Liebe blind
beglückt als Eheleute.
Und wenn sie nicht gestorben sind,
dann leben sie noch heute.
Stefan Krüger, Brühl, 01.01.2005
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